07 May 2026, 12:27

Wie die DDR Halberstadts jüdische Vergangenheit verdrängte und warum wir sie heute neu denken müssen

Luftaufnahme des Holocaust-Mahnmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin, die zahlreiche weiße und blaue rechteckige Blöcke zeigt, die in einem Gittermuster angeordnet sind.

Wie die DDR Halberstadts jüdische Vergangenheit verdrängte und warum wir sie heute neu denken müssen

Ein neues Buch von Philipp Graf untersucht die vergessene jüdische Geschichte Halberstadts in der DDR-Zeit.„Verweigerte Erinnerung“ stellt lang gehegte Vorstellungen über die Vergangenheit der Region infrage und zeigt, wie die antifaschistische Politik tief verwurzelten Antisemitismus nicht bewältigen konnte. Die Arbeit wirft zudem Licht auf die Kriegszerstörung der Stadt, die bereits lange vor den Bombenangriffen von 1945 begann.

Die jüdische Gemeinde Halberstadts erlebte früh eine Vernichtung. 1938 wurde die Synagoge während der Novemberpogrome zerstört – der Beginn der systematischen Verfolgung. Bis 1942 fand in der Rathaustraße (heute Nr. 1–3) die letzte Versammlung der Juden statt, bevor sie deportiert wurden. Nach dem Krieg blieb nur Willy Calm übrig, der bis 1961 als einziger Vertreter der Gemeinde fungierte.

Der Umgang der DDR mit jüdischem Erbe war widersprüchlich. Trotz Initiativen wie der Musik Lin Jaldatis oder den Werken von Peter Edel und Jurek Becker belegt Grafs Forschung, dass es keine substantielle Bewahrung jüdischer Kultur gab. Gleichzeitig wurde das Tunnelsystem des ehemaligen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge in den 1970er-Jahren als Militärdepot der Nationalen Volksarmee zweckentfremdet.

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1949 entstand auf dem Lagergelände eine Gedenkstätte für die Opfer der Zwangsarbeit. Doch 1969 wurde sie umgestaltet – nicht als Ort der Besinnung, sondern für politische Kundgebungen. Der Neubau stand direkt über den Gräbern von Häftlingen und überlagerte ihr Gedenken mit staatlicher Propaganda.

Grafs Buch plädiert für eine Neubewertung historischer Analysen. Es fordert Konzepte, die sowohl rechten als auch linksautoritären Antisemitismus unvoreingenommen aufarbeiten. Die Studie dient als Ausgangspunkt, um alte Annahmen über die DDR-Vergangenheit zu hinterfragen.

Die Erkenntnisse aus „Verweigerte Erinnerung“ decken Lücken in der Dokumentation und Erinnerung an Halberstadts jüdische Geschichte auf. Das Buch mahnt eine klarere Aufarbeitung von Staatsversagen an – vom hohlen Antifaschismus der DDR bis zur Instrumentalisierung von Gedenkorten. Seine Veröffentlichung markiert einen Schritt, diese Versäumnisse mit neuen Perspektiven zu bearbeiten.

Quelle