Kratzers provokante Neuinszenierung an der Hamburger Staatsoper spaltet das Publikum
Joachim RoseKratzers provokante Neuinszenierung an der Hamburger Staatsoper spaltet das Publikum
Die Hamburger Staatsoper präsentiert eine mutige Neuinszenierung von Das Paradies und die Peri
Unter der Regie des neu berufenen Intendanten Tobias Kratzer hat die Hamburger Staatsoper eine provokante Neuinterpretation von Robert Schumanns Oratorium Das Paradies und die Peri auf die Bühne gebracht. Das Werk verbindet ein orientalisches Märchen mit brisanten zeitgenössischen Themen – von Krieg über rassistische Ungerechtigkeit bis hin zur Klimakrise. Bei der Premiere reagierte das Publikum mit einer Mischung aus Buhrufen und begeistertem Applaus, doch am Ende feierte es Kratzers kühne Vision.
Schumanns Oratorium, inspiriert von Thomas Moores Lalla Rookh, erzählt die Geschichte der Peri, eines engelhaften Wesens auf der Suche nach einem Geschenk, das sie des Paradieses würdig macht. Kratzers Inszenierung sprengt konsequent die vierte Wand und zieht das Publikum direkt ins Bühnengeschehen hinein. So klettert die Sopranistin Vera-Lotte Boecker in der Rolle der Peri etwa über die Zuschauerreihen, um sich neben eine weinende Besucherin zu setzen.
Die moderne Stoßrichtung der Produktion zeigt sich in eindringlichen Bildern: Ein sterbender schwarzer Mann trotzt einer weißen Autoritätsperson – ein Symbol des Widerstands gegen Unterdrückung. Später spielen Kinder unter einer verschmutzten Kuppel, eine deutliche Anspielung auf die Klimakatastrophe. Der Chor, unter der Leitung von GMD Omer Meir Wellber, bewegt sich dynamisch durch den Raum und verwischt die Grenze zwischen Darstellern und Publikum.
Kratzer hat wiederholt betont, dass er die Staatsoper stärker mit der Hamburger Stadtgesellschaft vernetzen möchte. Diese Produktion setzt als sein erstes großes Statement als Intendant einen klaren Akzent für künftige Arbeiten, die herausfordern und zum Dialog anregen. Die gespaltene, aber leidenschaftliche Reaktion auf die Premiere spiegelt den provokativen Charakter der Inszenierung wider. Indem Kratzer Musik des 19. Jahrhunderts mit drängenden Gegenwartsfragen verknüpft, rückt er die Hamburger Staatsoper ins Zentrum der kulturellen Debatte. Mit ihren immersiven Techniken und politischen Themen wird diese Produktion zweifellos als prägender Moment seiner Intendanz in Erinnerung bleiben.






