Wenn selbst Kakteen und Mücken mitreden: Eine Woche im Meinungsdschungel
Kazim HoffmannWenn selbst Kakteen und Mücken mitreden: Eine Woche im Meinungsdschungel
Die Welt scheint überzuquellen von Meinungen zu jedem erdenklichen Thema. Der Autor hat die vergangene Woche damit verbracht, von ihnen umgeben zu sein – von ernsthaften Debatten bis hin zu Belanglosigkeiten. Manche gehen sogar so weit zu behaupten, die Natur selbst könnte bald beginnen, menschliches Verhalten zu bewerten.
Innerhalb von sieben Tagen begegnete dem Autor eine unerbittliche Flut von Standpunkten: zum Nahostkonflikt, zu Windrädern und sogar zum Wahlrecht für Katzen. Weniger gewichtig, aber nicht weniger lautstark waren die Ansichten zu Ananas auf Pizza, veganen Torwarthandschuhen und achtsamem Atmen – Letzteres vermag den Autor nach wie vor nicht zu überzeugen.
In einer fiktiven Vorstellung wird die Natur genauso meinungsfreudig: Ein Schlafzimmer-Kaktus, Stechmücken und Sonnenblumen mischen sich ein und kommentieren das Tun des Autors. Selbst das Mittelmeer beginnt, Urlauber nach ihrem Verhalten zu sortieren. Talkshows, Podcasts und Online-Foren produzieren ohnehin schon massenhaft Meinungen für den öffentlichen Konsum.
Der Autor schlägt eine radikale Lösung vor: ein tägliches Limit von drei Meinungen pro Person. Jede weitere bedürfte der Genehmigung durch ein Rebhuhn. Dies spiegelt die wachsende Wahrnehmung wider, dass es mittlerweile als Tabu gilt, seine Ansichten für sich zu behalten.
Zwar bleibt der Autor skeptisch gegenüber achtsamem Atmen, doch erkennt er die schier unerschöpfliche Quelle an Meinungen an. Zudem verweist er auf eine Theorie, wonach Menschen gerade deshalb die Natur suchen, weil sie nicht über sie urteilt. Doch in seiner Vision beginnt selbst die natürliche Welt, unaufhörlich Urteile zu fällen.
